Pedro Mendes
MSc., M.A.

Carl Gustav Jung (1875-1961) war ein Schweizer Psychiater, Begründer der Analytischen Psychologie. 

Seit seiner Kindheit spürte Carl Jung, dass wir zwischen zwei Welten leben, dem alltäglichen Wachleben mit seinen Aufgaben, Sorgen, Terminen und Projekten und einer inneren Welt, die sich durch Intuitionen, Phantasien, Imaginationen und Träume offenbart. Interessiert an der Wissenschaft, aber auch an Philosophie, Spiritualität und Religion, fand er in der Psychiatrie einen Weg, die Zusammenhänge zwischen Körper und Seele seiner Patienten zu bearbeiten und zu erforschen. Jung war neugierig und offen für die verschiedenen Erscheinungsformen des psychischen Lebens, auch für solche, die seinem Weltbild widersprachen. Nach Abschluss seines Medizinstudiums im Jahr 1900 begann er als Psychiater an der psychiatrischen Klinik Burghölzli in Zürich unter der Leitung von Eugene Bleurer zu arbeiten, damals eine der Referenzen der Psychiatrie in Europa. In seiner Praxis offenbarte sich bald sein Genie, das sich über die Standards der Psychiatrie des frühen 20. Jahrhunderts hinwegsetzte. Jung entwickelte eine innovative theoretisch-praktische Arbeit mit dem Wortassoziations-Experiment, die zu seiner Theorie der Komplexe führte, einem grundlegenden Aspekt in der Analytischen Psychologie. Nachdem er 1906 Sigmund Freuds Traumdeutung und andere seiner Werke gelesen hatte, begann er eine persönliche und berufliche Beziehung zu Freud. Jung schreibt Freud die Genialität und Kühnheit zu, die Arbeit mit dem Unbewussten und seinen verborgenen Kräften in Zusammenhang mit neurotischen Symptomen zu bringen. Jung stimmte mit vielen seiner Einsichten und Hypothesen überein, stellte aber immer wieder andere Aspekte von Freuds Theorie in Frage, die ihm zu reduktionistisch erschienen. Jung wurde mit seiner immensen intellektuellen Kapazität und tiefen Einsicht schnell zu einer der zentralen Figuren der Psychoanalyse, zu Freuds «Kronprinzen». Allerdings war Jungs Denken bereits sehr weit entwickelt, als er Freud begegnete, und deshalb war er mit verschiedenen Aspekten der psychoanalytischen Theorie und Praxis nicht einverstanden, insbesondere mit Freuds Einstellung zu Spiritualität und Religion als "nichts als" eine kollektive Neurose und mit seiner monolithischen Haltung zur Zentralität der Sexualität für das psychische Leben. Dies führte 1913 zu einer Trennung zwischen den beiden Männern. Jung verliess Freud und seine Funktionen innerhalb der psychoanalytischen Bewegung, was zu einer tiefgreifenden persönlichen und beruflichen Krise führte, die in seinen Schwarzen und Roten Büchern dokumentiert und zugänglich ist. Diese Krise war jedoch zutiefst transformativ und kreativ, da sie Jung dazu einlud, seine innere Welt zu erforschen und Wege zu entwickeln, mit den Bildern in Beziehung zu treten, die auf seinen inneren Reisen auftauchten. In diesen Jahren wurden zentrale Aspekte der analytischen Technik entwickelt: die Technik der aktiven Imagination, seine Theorie der psychologischen Typen, die Theorie des kollektiven Unbewussten und der Archetypen, um nur einige zu nennen. In seiner Theorie wurde deutlich, dass das Innenleben deutlich vernachlässigt wird und dass dies die Ursache für psychische und körperliche Störungen ist. Die extreme Fokussierung auf die äussere Welt und der Materialismus in der Moderne, führt dazu, dass das Individuum seine innere und spirituelle (wenn auch nicht unbedingt religiöse) Dimension ignoriert. Jung betrachtete diese Dimension als instinktiv und als eine absolute Notwendigkeit für das psychische Gleichgewicht des Individuums. Auf der ständigen Suche nach einem besseren Verständnis der psychischen Realität entwickelte Jung später ein tiefes Interesse an der Alchemie, wo er eine symbolische Sprache wahrnahm, die die unbewusste Dynamik und die Beziehung zwischen Psyche und Soma zum Ausdruck brachte. Seine tiefe Überzeugung, dass Psyche und Materie miteinander verbunden sind, führte ihn zu seiner Theorie der Synchronizität (entwickelt mit dem Physiker und Nobelpreisträger Wolfgang Pauli) und öffnete die Tür zu den Prinzipien der modernen Disziplin der Psychosomatik. Jung hat die Bereiche Psychologie und Psychotherapie, das Verhältnis von Psychologie und Spiritualität und die Anwendung der Psychologie auf kulturelle Phänomene tiefgreifend revolutioniert. Seine Arbeit und sein Denken wurden von aufeinanderfolgenden Generationen von Jungianischen Psychoanalytikern erweitert, die, inspiriert durch seine ursprüngliche Arbeit, die Konzepte und Anwendungen der Analytischen Psychologie überarbeitet und vertieft haben und sie zu einem Feld interdisziplinärer Untersuchung machten. 

                                                 Ex Libris C. G. Jung, 1925 (cat. 63)     

 
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